Vor 60 Jahren: Zweiter US-Meistertitel für Paul O’Shea

Auf Mercedes-Benz 300 SL „Gullwing“ holt der Rennfahrer Paul O’Shea in der Saison 1956 seinen zweiten Titel als Sportwagenmeister der USA: Zum Saisonfinale am 28. Dezember 1956 ist er Klassenmeister der Kategorie „D Production“ und hat insgesamt die meisten Punkte im National Sports Car Championship des Sports Car Club of America (SCCA) erzielt. Im Folgejahr wird er den Titel erneut verteidigen, diesmal auf dem Mercedes-Benz 300 SLS, der Rennversion des 300 SL Roadsters.

Am 23. Januar 1957 verkündet die „New York Times“, dass Paul O’Shea zum zweiten Mal in Folge der Titel des „National Sports Car Champion“ zugesprochen wird. Das ist zugleich ein Triumph für Mercedes-Benz, denn der 1928 geborene Rennfahrer startet seit 1955 mit Werksunterstützung auf dem Seriensportwagen 300 SL (W 198). Der Meistertitel wird informell von den Medien vergeben, der SCCA zeichnet lediglich die Meister der einzelnen Klassen aus.  O’Shea gewinnt 1956 zum zweiten Mal die Klasse D der Serienfahrzeuge („D Production“).

Um den Sieger unter den Klassenmeistern zu krönen, werten die Zeitungen und Zeitschriften die höchste Gesamtpunktzahl, die ein Fahrer in einer Saison erreicht. Bereits 1955 erringt O’Shea auf diese Weise den im Rahmen einer PR-Kampagne erstmals vergebenen Titel mit 11.750 Punkten und trägt mit dazu bei, dass es die erfolgreichste Motorsport-Saison überhaupt für Mercedes-Benz wird. Ein Jahr später kommt er zum Saisonende auf 10.500 Punkte. Das bestätigt der SCCA am 28. Dezember 1956 bei der offiziellen Bekanntgabe der Saisonergebnisse – sie ist entscheidend für die öffentliche Kür zum US-Sportwagenmeister im Januar 1957. Die deutsche Fachzeitschrift „auto motor und sport“ berichtet jedoch schon nach dem letzten Saisonrennen in der Ausgabe vom 24. November 1956, dass der „amerikanische Sportwagenmeister auf Mercedes-Benz 300 SL des Jahres 1955, Paul O’Shea, […] seinen Titel auch in diesem Jahr wieder erfolgreich verteidigte“.

Mercedes-Benz Rennleiter Alfred Neubauer schreibt nach der Veröffentlichung der SCCA-Ergebnisse umgehend an O’Shea: „Die neue USA-Meisterschaftsnadel für 1956 ist bereits für Sie in Arbeit.“ Beide kennen sich unter anderem von einem Besuch O’Sheas in Stuttgart: Vom 8. Oktober bis zum 1. Dezember 1956 ist der Rennfahrer bei Mercedes-Benz zu Gast. Er erhält in dieser Zeit die Meisterschaftsnadel für 1955 aus der Hand von Professor Fritz Nallinger, dem Technischen Direktor und Vorstandsmitglied der damaligen Daimler-Benz AG.

O’Shea lernt bei seinem Besuch auch das Mercedes-Benz Museum sowie verschiedene Werke der damaligen Daimler-Benz AG kennen und reist zur Rennstrecke in Monza. Außerdem fährt der US-Sportwagenmeister auf der Solitude bereits den neuen Mercedes-Benz 300 SL Roadster, der 1957 auf den Markt kommen wird.

Mercedes-Benz unterstützt O’Shea bei den US-Sportwagenrennen, um den Verkauf der Sportwagen des Unternehmens in dem wichtigen Exportmarkt zu fördern. Darin spiegelt sich die Maxime, dass eine Marke von Rennsiegen umgehend durch Verkäufe von Serienautomobilen profitiert („win on sunday – sell on monday“). Entsprechend genau beobachten die Vertreter des Unternehmens, mit welchen Fahrzeugen die Zuschauer der Rennen anreisen: Beim Cumberland National Sports Car Race am 20. Mai 1956 zählt Auslands-Kundendienstinspektor Victor R. Gross so rund 100 Mercedes-Benz Personenwagen auf dem Parkplatz: „Es waren in der Hauptzahl Sportwagen.“ Noch eindrucksvoller fällt die Parkplatzbilanz des 12-Stunden-Rennen in Sebring am 24. März 1956 aus: „Unter den circa 15.000 Pkw der Zuschauer befanden sich schätzungsweise circa 300 Fahrzeuge unseres Typs 300 SL, ferner viele hunderte des Fahrzeugtyps 190 SL.“

In einer Vorstandssitzung von Daimler-Benz am 28. November 1956 ist der Zusammenhang von Sport-Engagement und Fahrzeugverkauf ebenfalls ein Thema: „Unter dem günstigen Einfluss der Rennen“, heißt es im Protokoll, habe sich „der Verkauf unseres Typs 190 SL des Jahres 1955 in der Höhe von 824 im Jahre 1956 auf 1.691 gesteigert.“ Das ist eine Verdopplung des Absatzes binnen eines Jahres.

Das meisterliche zweite Jahr
Paul O’Shea startet gut in seine zweite Saison als von Mercedes-Benz unterstützter Fahrer: Am 21. Januar 1956 gibt der Sports Car Club of America die Klassensieger der vergangenen Saison im SCCA National Sports Car Championship bekannt. O’Shea hat die Klasse „D Production“ gewonnen und wird wenige Wochen später wegen seiner höchsten Punktzahl von den amerikanischen Motorsport-Fachmedien informell zum Sportwagenmeister der USA ernannt. Nahezu zeitgleich organisiert Rennleiter Alfred Neubauer in Stuttgart die Fahrzeuge der aktuellen Saison: „Aufgrund des guten Abschneidens unserer Sportwagen Typ 300 SL in den vom amerikanischen SCCA veranstalteten Rennen hat der Vorstand beschlossen, dass die beiden in Amerika befindlichen Wagen verkauft werden und wir zwei neue Fahrzeuge des Typs 300 SL nach den USA zur Weiterverwendung durch unser Zentralbüro entsenden“, schreibt Neubauer am 27. Januar 1956.
Insgesamt nimmt O’Shea 1956 an 14 Rennen teil. Im Oktober führt der Rennfahrer mit 10.500 Punkten die Rangliste für den informellen Titel des „National Sports Car Champion“ klar an. Diese Position kann ihm auch Caroll Shelby trotz dessen Sieg im letzten Saisonrennen im kalifornischen Palm Springs am 4. November nicht mehr abnehmen.

Damit bestätigt Paul O’Shea zum zweiten Mal in Folge die hohe Meinung, die Mercedes-Benz von ihm hat. So heißt es in einem internen Bericht vom 24. Juli 1956: „Paul O’Shea steht ganz auf unserer Seite und beherrscht seinen Wagen vollständig. Noch sehr wichtig ist, dass er mit Kopf fährt und alle Zeichen beachtet, die wir ihm während der Rennen geben. Es sei auch gesagt, dass er unseren 300 SL wenn notwendig bis zum Letzten ausfährt.“